EM-Stimmung "einfach unbeschreiblich" Drucken
Geschrieben von: Matthias Opatz   
Montag, den 25. Januar 2010 um 00:57 Uhr

»Einfach unbeschreiblich, was hier abgeht. Man hört die Leute brüllen und läuft wie im Rausch.« Die das sagt, heißt Julia Riedel und hat soeben mit ihren Mannschaftskolleginnen Aika Klein, Bianca Walter und Christin Priebst den Europameistertitel im 3000-m-Staffellauf der Damen geholt. Dabei haben sie in Dresden alle drei europäischen Staffel-Olympiateilnehmer hinter sich gelassen. »Das war Wiedergutmachung für die Tiefs und das Pech, das uns als Staffel seit vielen Wettkämpfen zu verfolgen scheint«, sagt die vor wenigen Tagen 21 Jahre alt gewordene Dresdnerin, »und wir haben endlich gezeigt, was wir wirklich drauf haben und wofür wir die vergangenen vier Jahre trainiert haben.« Die »geile Party« (O-Ton Paul Herrmann) perfekt machte danach die Männerstaffel, die Titelverteidiger Italien ein großes Rennen lieferte und am Ende nur um sechs Hundertstel geschlagen Silber errang. Die besten Einzelergebnisse im Mehrkampf gelangen Susanne Rudolph (Grafing) als Zehnte und Paul Herrmann (Dresden) als Siebenter. Herrmann erlief damit einen dritten Einzelstartplatz für Deutschland bei den nächsten EM.

EM-Mehrkampf, 1000 Meter

Während die Pechsträhne der einzigen deutschen Olympiastarterin Aika Klein auch über 1000 Meter anhielt (sie schied im Vorlauf aus), erreichten Susanne Rudolph, Paul Herrmann und Tyson Heung das Achtelfinale.

Dort setzte »Herrmann, the German«, als der er in der internationalen Shorttrack-Szene bekannt ist, seine Serie beeindruckender Auftritte fort. Lange in Lauerstellung, überholte er im Kampf um Platz zwei und das Weiterkommen ins Halbfinale auf der letzten halben Runde den Briten Anthony Douglas. Während die Halle lautstark ihren Helden feierte, entschloss sich das Schiedsgericht zur Disqualifikation des Deutschen wegen einer mutmaßlichen Behinderung. Eine Entscheidung, die auf einigen Widerspruch auch unter Shorttrack-Insidern stieß. Zumindest Herrmann selbst sah es gelassen. »Ich hätte mich nicht disqualifiziert«, meinte der 24-Jährige trocken, »aber ich habe ja auch nicht die Videoaufzeichnng gesehen. Der Schiedsrichter hat, der muss es ja wissen. Ich bin trotzdem nicht enttäuscht, weil ich ein takisch gutes Rennen gelaufen bin, und weil die Kraft für so einen Anritt eben da war. Jetzt freue ich mich auf das 3000-Meter-Superfinale und den Staffel-Endlauf.«

Zwar wurde auch Susanne Rudoph disqualifiziert, aber ihr dritter Rang hätte ohnehin nicht für das Halbfinale gereicht. Immerhin war sie an der zweitplatzierten Niederländerin Jorien ter Moers (die später im Endlauf stand und Vierte wurde) ganz knapp dran. Die von zahlreichen Fans aus ihrer bayerischen Heimat angefeuerte Grafingerin sagte nach dem Rennen: »Ich bin mit meinem EM-Ergebnis sehr zufrieden. Ich bin ja nach der verpassten Olympiaqualifikation quasi mit Wut im Bauch gelaufen und hatte mit der Finalteilnahme über 500 Meter das beste EM-Ergebnis meiner Karriere überhaupt.«

Tyson Heung

Den Streckensieg bei den Damen holte sich die Tschechin Kateřina Novotná, die damit die EM-Entscheidung offenhielt. Titelverteidigerin Arianna Fontana war nach ihren Streckensiegen über 1500 und 500 Meter im 1000-Meter-Halbfinale gestürzt.

Tyson Heung musste sich in seinem Lauf dem Niederländer Niels Kerstholt nur um drei Hundertstel geschlagen geben. Kerstholt kam in den Endlauf und wurde über diese Distanz Dritter hinter Nicola Rodigari (Italien) und Thibaut Fauconnet (Frankreich).

EM-Mehrkampf, 3000-m-Superfinale

Die Entscheidung um den Europameistertitel und die Medaillengewinner fällt im Shorttrack in einem sogenannten 3000-m-Superfinale, in dem die nach drei Distanzen acht Bestplatzierten auf der längsten, aber nichtolympischen Shortrack-Einzeldistanz aufeinandertreffen. Hier gibt es die letzten Punkte für den Mehrkampf zu holen, neben den klassischen Finalpunkten (die Punktvergabe lautet in der Reihe der Platzierungen 34, 21, 13, 8, 5, 3, 2 und 1) noch 5 Bonuspunkte für den Sieger im Zwischenspurt nach 1000 Metern.

Kateřina Novotná

Bei den Damen ergab sich die ungewöhnliche Situation, dass dieses Finale sogar zehn Läuferinnen bestritten, da drei Läuferinnen punktgleich auf Rang acht lagen, darunter die Grafingerin Susanne Rudolph. Die Sprintspezialistin versuchte lange Zeit ihre Chance zu wahren und lief sogar zwischenzeitlich an der Spitze, musste aber fünf Runden vor Ende der 27 Runden abreißen lassen.»Ich war total platt nach den vielen Rennen, und 3000 Meter sind für mich ohnehin der Horror schlechthin«, sagte sie.

Titelverteidigerin Arianna Fontana (Italien) konnte sich nach neun Runden zwar die fünf Bonuspunkte holen, musste sich am Ende aber mit Platz drei hinter Kateřina Novotná und der Britin Elise Christie begnügen − damit ging der EM-Titel erstmals nach Tschechien. Hinter Novotná  gewann Fontana Silber, Bronze ging an Christie. Im Endklassement landete Susanne Rudolph auf Platz zehn, Aika Klein wurde Sechzehnte.

3000-m-Staffel-Finale der Damen

Stimmung in der Arena

Unter ohrenbetäubender Anfeuerung der 2500 Zuschauer lief die deutsche Damenstaffel naheu einen Start-Ziel-Sieg heraus − ab der neunten von 27 Runden führte nur noch Deutschland. »Unser stärkster Konkurrent war sicherlich der Titelverteidiger, und ich war unheimlich froh, dass wir die Ungarinnen frühzeitig überholen konnten«, sagte die Rostockerin Aika Klein nach dem Rennen, »als sie dann kurz danach stürzten, konnte eigentlich nicht mehr viel anbrennen. Nachdem ich so sauer war über mein eigenes Abschneiden in den Einzelrennen, war dieser Staffelerfolg sicherlich mehr als eine Entschädgung.«

Mit ihrer Siegerzeit von 4:15,979 Minuten verfehlten die deutschen Damen ihren Deutschen Rekord um nicht einmal zwei Zehntelsekunden.  Silber und Bronze gingen an Russland und die Niederlande. Die mitfavorisierten Italienerinnen waren bereits im Halbfinale ausgeschieden. Damit hat das leider nicht für Olympia qualifizierte DESG-Team alle drei europäischen Olympiastaffeln (Ungarn, Niederlande, Italien) hinter sich gelassen. Und nicht zuletzt erwies sich Bianca Walter als Titelmotiv für die Plakate und das Programmheft mit ihrem EM-Titel nachträglich als gute Wahl.

5000-m-Staffel-Finale der Herren

Staffelfinale, Zielfoto

Shorttrack ist nichts für schwache Nerven, auch dieses Rennen war es nicht. Deutschland mit Herrmann, Heung, Sebastian Praus und Robert Seifert lieferte sich mit den beiden Olympiateilnehmern Italien und Frankreich von Anfang bis Ende einen spannenden Dreikampf mit wechselnden Führungen. Auf den letzten 5 der 45 Runden allerdings setzten sich die Italiener etwas ab, hatten schon sechs, sieben Meter Vorsprung, ehe der deutsche Schlussläufer und EM-Held Paul Herrmann zu seinem unglaublichen Schluss-Spurt ansetzte und den Italiener Yuri Confortola beinahe noch erwischte − beide trennten am Ende sechs Hundertstel. »Der zweite Platz ist trotzdem ein Riesen-Erfolg, und alle haben ja gesehen, wie knapp es war«, sagte Routinier Sebastian Praus (Mainz),  »vielleicht geht es bei Olympia andersherum aus.« Und mit Frankreich und Großbritannien haben die Deutschen bereits zwei Olympiateilnehmer hinter sich gelassen. Auf die Briten treffen sie übrigens im olympischen Halbfinale, außerdem auf China und Kanada. Außer den Briten müssten sie also einen der beiden»Großen« schlagen, um ihr Ziel Finaleinzug zu erreichen. »Wir waren im Weltcup schon mehrmals mit den Chinesen auf Augenhöhe, wir wollen sie schlagen«, sagt Bundestrainer Éric Bédard.

»Bei dieser Stimmung zu laufen, ist unglaublich. Ich hatte wirklich während des Rennens Gänsehaut«, meinte Paul Herrmann,»ich glaube, es ist die beste Stimmung, die es in letzter Zeit in der Shorttrack-Welt gab. Das bestätigen auch die Läufer aus den anderen Ländern. Und ich bin auch irgendwie stolz auf unser Dresdner Publikum, weil es uns einerseits so hochpuscht, aber auch fair zu allen anderen Nationen ist und auch die anderen anfeuert und Leistung honoriert.«

Honoriert wird die sächsische Shorttrack-Begeisterung auch vom Weltverband ISU, der erwägt,  mindestens für die nächsten zwei Jahre einen Weltcup an die Elbe zu vergeben.

Begeistert war übrigens auch Innenminister Thomas de Maizière. »Ich bin ds erste Mal beim Shorttrack, und ich bin begeistert, sagte derauch für Sport zuständige Bundesminister. Kurzentschlossen verzichtete der bekennende Volleyball-Fan auf einen Besuch beim Volleyball-Allstar-Spiel und blieb am Sonntagnachmittag beim Shorttrack.


Faire Geste: Die Staffel-Europameisterinnen Julia Riedel, Christin Priebst, Bianca Walter und Aika Klein nahmen zum Abschluss Susanne Rudolph in ihre Mitte, die aufgrund ihres schweren Mehrkampf-Programms bis einschließlich 3000-Meter-Finale in der Staffel nicht zum Einsatz kam.
Foto: Veranstalter (Aufnahme Thomas Eisenhuth)

 

 

Programmheft

Allen Interessierten bieten wir die Möglichkeit das offizielle Programmheft der EM herunterladen zu können.

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